von der Gründung der Kolpingsfamilie Trossingen bis zum Jahr 1980

Aufgezeichnet zur Feier des 75-jährigen Jubiläums im Jahr 2005 von Walter Haas

Die Geschichte der Kolpingsfamilie Trossingen, neu aufgezeichnet anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens, beginnt mit einer Berichtigung. Vermutlich bereits mit der Widergründung nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich ein terminlicher Irrtum zum Gründungsjahr eingeschlichen. In alten „Kirchlichen Mitteilungen“ wird von einer „Gründungsfeier“ am 16. November 1930 im Lindensaal berichtet. Bei der kürzlich von unserem Mitglied Heinrich Kirchner durchgeführten Archivierung der vorhandenen Akten konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich bei dieser Gründungsfeier um ein Jahresfest im Jahr nach der Gründung gehandelt hat. Tatsächlich ist der Anfang der Kolpingsfamilie Trossingen auf den 25. Oktober 1929 festzusetzen, wie aus alten Kirchlichen Mitteilungen entnommen werden kann. Stadtpfarrer und Präses Erwin Fischer betrieb die Gründung des damals noch „Katholischer Gesellenverein“ genannten Vereins mit weiteren 9 Mitgliedern in der noch jungen Theresiengemeinde

Der erste Pfarrer der Theresiengemeinde, Erwin Fischer, hat sich um heimische und fremde, wandernde Gesellen sehr bemüht; er hat die Heimabende oft selbst gestaltet und war „der Motor des Vereins“. Stadtpfarrer Fischer setzte seine ganze Kraft dann auch für den Neubau der Theresienkirche ein und verbrauchte sie dabei; er erkrankte schwer und die Diözesanleitung entsandte deshalb einen Vikar, Johannes Abele. Präses Erwin Fischer verstarb am 11. November 1935 und Kolpingmitglieder nahmen in einer Trauerfeier an dem in der Theresienkirche aufgebahrten Sarg Abschied von dem geliebten Seelsorger.

Tragische Folgen dieses Ereignisses hatte der Zeitungsbericht über die Trauerfeier. Die „Deutsche Arbeitsfront“, eine Gliederung der NSDAP, erzwang das Verbot des Trossinger Gesellenvereins. Inzwischen war Vikar Abele Stadtpfarrer der Theresien - Gemeinde; er versuchte mutig, das Verbot aufzuhalten – vergebens. Die Mitglieder des Gesellenvereins vernichteten schnell und konsequent alle seit der Gründung angefallenen Unterlagen des Vereins. Wir stützen unsere bescheidenen Kenntnisse aus jener Zeit deshalb auf mündliche Überlieferungen inzwischen verstorbener Gründungs-mitglieder.

Zwölf Jahre dauerte die Zwangspause. Am 26. Februar 1947 nahmen 21 junge Männer im Café Summ (heute Café Renn) auf Initiative von Stadtpfarrer Abele die Widergründung vor. Die Besatzungsmacht, also die französische Militärregierung, hatte mit Verfügung vom 28.12.1946 die Kolpingsfamilie zu der Wiederaufnahme ihrer Vereins - Tätigkeit autorisiert. Nach dem Krieg wurde vom Zentralverband die seit Lebzeit von  Adolph Kolping verwendete Bezeichnung „Kath. Gesellenverein“ in „Kolpingsfamilie“ umgewandelt.

Stadtpfarrer Anton Straub folgte nach dem Wegzug von Johannes Abele im Jahr 1949. Pfarrer Straub war gebürtig in Schramberg und bisher Kaplan in Rottweil. Während seines 11- jährigen Wirkens in der Theresiengemeinde stand die Tür des Pfarrhauses den Kolpingbrüdern offen; das Kolpingzimmer befand sich direkt in der Pfarrerwohnung und die Haushälterin, Fräulein Franziska Aicher, „habe nicht selten den jungen Männern ein Gsälzbrot gestrichen“.

Das Theaterspiel begann die Kolpingsfamilie im Jahr 1948. Zunächst wurde im Löwensaal, später im Lindensaal und im Gemeindehaus gespielt.

Bereits das 25-jährige Jubiläum wurde um 1 Jahr verspätet gefeiert, nämlich im Mai 1955 im damaligen Gasthof „Deutscher Hof“ in der Bahnhofstrasse. Der Verein zählte damals 42 Mitglieder.

Zu jener Zeit fanden die Heimabende oft auch im sogenannten Kommunikantensaal, dem heutigen Pfarrbüro, statt. Es wurde eifrig Tischtennis, Schach und Karten gespielt, diskutiert und in zunehmendem Umfang auch Bildung vermittelt.

Unter Pfarrer Anton Deininger, der im Jahr 1961 in Trossingen investiert wurde, bekam die Kolpingsfamilie durch eine Abtrennung vom Kommunikantensaal ein Kolpingzimmer, welches einige Jahre später, nach dem Erwerb des Kolpingheims, zum Pfarrbüro umgewandelt wurde.

Damals wurden erstmals Programme der Kolpingsfamilie schriftlich formuliert und verteilt. Eine Fußballmannschaft kämpfte mit benachbarten Mannschaften um Pokale; die Pilgerwanderung zur Wendelinskapelle bei Weigheim kam auf Anregung der Kolpingsfamilie zustande und auffallend ist, dass insgesamt bis zu 40 Veranstaltungen im Jahr angeboten wurden.

Im Jahr 1960 führte Ernst Finkbeiner erstmals eine Bergtour zur Schesaplana. Diese Touren haben sich seit 1971 ohne Unterbrechung bis heute gehalten. Zahlreiche Mitglieder haben dabei die Schönheit der Bergwelt und das Erlebnis der Kameradschaft schätzen gelernt. Auch die weiblichen Mitglieder begannen im Jahr 1975 mit der jährlichen Bergtour, die Robert Schuster und Stefan Grassl führen.

Eine Vereinskrise führte die Kolpingsfamilie im Jahr 1965 vor die Entscheidung der evtl. Auflösung, da etliche Mitglieder vom „alten Stamm“ nicht mehr mitmachen wollten. Aber es ging weiter – der Geist Adolph Kolpings wirkte im Stillen. Mit jungen Mitgliedern kam neues Leben in die Kolpingsfamilie, Jungkolpinggruppen wurden gegründet und schließlich wollten auch „die Alten“ die Jungen nicht hängen lassen.

Frohe Stunden erlebten gleich nach der Widergründung die Mitglieder und deren Angehörige sowie häufig auch der Kirchenchor bei den Fastnachtsveranstaltungen bei Willi und Anna Renn in ihrem Café. Da Fastnacht immer an einem Freitag gefeiert wurde, erteilte Präses Straub um 22 Uhr die Aufhebung des Fleischverbots! In den 70er- Jahren wurden die Veranstaltungen der Kolpingsfamilie in den Gasthof „Rose“, gegenüber der Kirche, verlegt.

Im Jahr 1968 hielt die Kolpingsfamilie das Thema „Ökumene“ für so wichtig, dass sie einen evangelischen Gesprächspartner suchte. Zunächst fanden sehr offene und informative Gespräche mit Pfarrer Ernst aus Spaichingen statt. Als der ebenfalls diesem Thema aufgeschlossene evangelische Pfarrer Schlecht nach Trossingen kam, war dieser der Gesprächspartner. Nachdem man Trennendes und Verbindendes voneinander erfahren hatte, wagte die Kolpingsfamilie einen weiteren Schritt; sie stellte an den Kirchengemeinderat der Theresiengemeinde den Antrag, mit der evangelischen Gemeinde die Möglichkeit eines ökumenischen Gottesdienstes zu erörtern. Die Freude war groß, als tatsächlich im Mai 1970 der erste ökumenische Gottesdienst in Trossingen, und zwar in der Martin-Luther-Kirche, gefeiert werden konnte. Stadtpfarrer Deininger hielt in der evangelischen Kirche die Predigt, wahrscheinlich die erste eines katholischen Pfarrers nach der Reformation! Das Pflänzchen ist gewachsen – heute besteht eine lebendige Ökumene in Trossingen über die ACK (Arbeitsgem. Christlicher Kirchen).

Familienkreise, eine bis heute funktionierende Aktivität, wurden im Jahr 1969 von Peter Messner und Vikar Knor ins Leben gerufen.

Anfang der 70er-Jahre fand ein Wandel im Selbstverständnis des Kolpingwerkes statt. Behutsam verabschiedete es sich von nicht mehr zeitgemäßen Formen und Praktiken. Senior und Altsenior wurden ersetzt durch den 1. Vorsitzenden und Altersgruppenleiter. Der Präses, bis dahin letztlich für alles verantwortlich, wurde speziell zuständig für die geistliche Betreuung der Mitglieder und wurde, wie die anderen Vorstandsmitglieder, gewählt. Der Verein wurde für weibliche sowie evangelische Mitglieder geöffnet. Elisabeth Bilger (später Pöschko) konnte vom damaligen Vorsitzenden Walter Haas als erstes weibliches Mitglied begrüßt werden.

Dass die Trossinger Kolpingsfamilie damals fest zusammen stand, geht auch daraus hervor, dass im Jahr 1972 mit dem „Pfingstmarkt-Gartenfest“ in „Auberles Garten“ hinter dem Heimatmuseum (Auberlehaus) ein attraktives Begleitangebot zum Pfingstmarkt präsentiert werden konnte. Dieses Fest mit Blasmusik, Fassbier und Vesper forderte die Kräfte der Kolpingsfamilie, brachte aber auch die Solidarität verstärkt ins Bewusstsein der Vereinsarbeit. Als die Baumwiese hinter dem Auberlehaus Mitte der 70er-Jahre zum Parkplatz umgewandelt wurde, stellte die Stadt Trossingen den Rathausplatz für dieses Fest am Pfingstmontag dankenswerter Weise zur Verfügung.

Ebenfalls im Jahr 1972 erwarb die Kolpingsfamilie von dem aufgelösten Verein
Deutscher Schäferhunde eine Holzhütte samt Heuschopf, welche sich auf einem städt.Grundstück an der Katzensteigstrasse/Ecke Lehrer – Wilhelm - Weg im Gebiet  „Gauger“ befand. Die Stadt Trossingen gewährte der Kolpingsfamilie ein Erbpachtrecht und nach Brandstiftung am Heuschopf entschlossen sich die zahlreicher gewordenen Mitglieder, das zu klein gewordene „Hüttle“ durch einen größeren Anbau zu erweitern. 1978 wurde dieses in Eigenleistung erbaute Gebäude eingeweiht und der Verein „Freizeit- und Bildungsstätte der Kolpingsfamilie Trossingen e.V.“ gegründet. Diesem Verein wurde die Trägerschaft und Verwaltung von Heim und Grundstück übertragen.

Auch das Nikolauslaufen mit St. Nikolaus in ausgedienten Rauchmänteln mit Knecht Ruprecht als „erzieherischer Begleitung“ wurde Anfang der 70er Jahre neu ins Leben gerufen.

Das Funkenfeuer wurde im Jahr 1973 auf der „Oberen Au“ in Nähe des Kolpingheims erstmals entzündet. Die evangelische Jugend sammelt seither ausgediente Weihnachtsbäume aus den Haushalten und befördert sie auf den Gauger; sie werden dann zur Aufschichtung des Holzstosses verwendet. Die Trossinger Bläserbuben eröffnen den „Funken“ musikalisch und die Gäste können sich mit Grillwurst und Glühwein erwärmen, während punkt 19 Uhr die Flammen aus dem Holzstoss steigen.

Mit „Seniorennachmittagen“ im Kolpingheim für alle älteren Kirchengemeindemitglieder begann die Kolpingsfamilie im Jahr 1975. Zumeist im Monat Juni bewegt sich eine Schar Senioren hinauf zum Kolpingheim oder werden die Gäste per Auto in der Stadt abgeholt. Ein buntes Programm, bei Kaffee und Kuchen, gestaltet die Frauengruppe.

Pfarrer Albert Rohr kam während der Kirchenrenovation als Nachfolger von Pfarrer Deininger im Jahr 1975 nach Trossingen und wurde zum Präses gewählt. Seine Stärke im theologischen Bereich, klar konziliar und von Tübinger Schule geprägt, gab er gerne an die Kolpingmitglieder weiter.

Soziales Engagement hat bei der Kolpingsfamilie Trossingen Tradition. Es gibt keine Veranstaltung, bei welcher Einnahmen erzielt werden, von der nicht zumindest ein Teil des Erlöses für Soziale Projekte abgezweigt wird. Genannt  seien beispielhaft die früher durchgeführten Altpapiersammlungen, das Pfingstmarkt - Gartenfest, der Wurstverkauf am Weihnachtsmarkt, der Familiensonntag (wird seit 1982 jährlich am Kolpingheim abgehalten).

Im Jahr 1980 wurde das 50-jährige Jubiläum zu einem Höhepunkt der Entwicklung. Im Dr. Ernst-Hohner-Konzerthaus fand der Festakt statt. Erwin Teufel, Mitglied des Landtags und einstmals Mitglied der Trossinger Kolpingsfamilie, hielt die Festansprache. Im Gasthof Rose wurde anschließend zünftig gefeiert. Der Verein zählt zu diesem Zeitpunkt 95 Mitglieder.

Familie, Kirche, Staat und Beruf waren in den vergangenen 50 Jahren die Betätigungsfelder der Kolpingsfamilie und sollen dies auch in Zukunft bleiben.

 

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